Lyrik

Hier eine kleine Auswahl meiner Gedichte/Texte. Der Menge wegen habe ich beschlossen, jeden Monat nur eines einzustellen. Mehr gibt es in meinem Blog. 

    http://ingejung.blogspot.com

Der Link zum YouTube Kanal von Ralf Preusker. Dieser wunderbare Lyriker las mein Gedicht "Andere Augen" im Tonstudio ein.

Ich kann mich nur aus tiefstem Herzen für dieses großartige Geschenk bedanken.


vergessen

 

von inge jung, im dezember ‘18  

 

setzte mich nicht über den ursprung

nicht über die quelle

die es so nie gab

sich selbst erschuf

keinen schöpfer besaß

der sie hätte retten können

sie versorgen könnte

die sich nur sich selbst hingibt

in aufopfernder hingabe

und versiegt

 

fliege nicht unter den schwarzen vögeln

die mit ihren stimmen den himmel

verloren erscheinen lassen

mit ihrer gegenwart

einsamkeit in körperlichen schmerz wandeln

die ihre legenden woben bevor sie entstanden

die sich in scharen

um nichts scheren

in märchen und sagen unglück verkörperten

bei den unglücklichen

 

tauche nicht mit den versunkenen

die in grauer vorzeit

in die tiefe gelockt wurden

von wunderschönen sirenen

vergessen in kalten gräbern

für die die totenkerzen

in kleinen fenstern standen

als mahnmal oder als leuchtturm

die sich nun selbst genügen

in ihrem schlaf bis zur apokalypse

 

diskutiere nicht mit den schlauen köpfen

die sich über alles setzen

alles erklären können

auch meine erklärungen

lasse mich selbst außen vor

vor so viel bestialischer intelligenz

so viel besserwisserei

so viel siechtum in den gehirnwindungen

lasse mich nur überraschen

von den ahnungslosen

 

richte nicht über die die sich selbst richten

staune über die richter

die sprachlos werden bei fehlurteilen

sich selbst in grund und boden plädieren

ohne das urteil zu kennen

ohne den zu richtenden zu kennen

berausche mich mit leben

ganz aus den kleinen dosen heraus

die nur in den dunklen gassen zu finden sind

 

vergesse mich bei den vergessenen

 


ein wimpernschlag

 

von inge jung, im november ‘18 

 

 

sehe die sterne so klar

als seien millionen jahre ein wimpernschlag

die zeit ein augenzwinkern unter priviligierten

keine trauer kann in dieser zeit entstehen

nichts als ewigkeit und unendlichkeit existiert

wie einst bei den alten völkern

 

zeit ist nicht endlich

umfasst keinen abschnitt

auch nicht in unserem sein

haben unsere energie

die sich wandelt

schon immer wandelte vom anbeginn der zeit

warten wir aufeinander

sind energien verstrickt

manche nennen sie seelen

 

sind eins mit allem

sehen es nur in unserem kleinen

irdischen dasein nicht

in diesem körper tickt die zeit

der verwandlung

haben den kurzen augenblick

um körperhaft zu sein

viele versagen auf ganzer linie

andere geben sich mühe

andere sehnen den urzustand herbei

 

sehe die sterne so klar

als seien millionen jahre ein wimpernschlag

 


20082018

 

von inge jung, im oktober 2018

 

 

die dämonen haben sich herausgelassen

freigelassen aus den tiefsten tiefen

die sich in uns auftun

die weiteren geister sind von allen guten geistern

verlassen

nur die hinterhältigen sitzen gegenüber

in blauen sakkos

lächeln das lächeln des kannibalen

der den goldenen ring in die locken schiebt

 

die geister sitzen geisterhaft fahl

zwischen den schwarzen krähen

die ihre flügel ausbreiten

sich aber nicht hinwegheben können

da sie in den tiefen untiefen

der paragraphen reiten

weitab der prärie geschweige denn der poesie

einzig über den abgetretenen linoleum

 

die bösen geister sind mit uns

in uns

 

wie auch die guten


eingefroren

 

von inge jung, im september ‘18

 

 

in der eingefrorenen hölle

quält der engel den teufel

mit liebesschwüren

die ihm so leicht über die verfaulten lippen gleiten

das höllenfeuer hat sich in erkaltete schlammpfützen

verwandelt

um all denen in die gelben gummistiefel zu schwappen

die sich in der hölle auskennen

die ihre verkleidung erst anlegen

wenn das vestibül betreten wird

wenn der moralapostel vom feiern kommt

und der priester das mordopfer verlässt

 

in der eingefrorenen hölle

spielen sich die bilder ab die sein könnten

die waren

und doch nie so sein werden

die wahrheit versteckt sich hämisch grienend

hinter der buchsbaumhecke

die der wall der halbierten ist

jenen die ihre rechte gehirnhälfte dem amt

einreichten

um in aller ruhe leben zu können

um sich um nichts scheren zu müssen

als lediglich um die bescherung von senilen opas

die im suff aus ihrem rollstuhl fallen

 

in der eingefrorenen hölle

sind die abteilungsleiter diejenigen

die anderen ins gesicht spucken

aus der deckung heraus

von auge zu auge würden sie ihre senken

und dem gegenüber die stiefel lecken

sich hündisch auf den boden werfen und ihre

verfetteten weißen bäuche zeigen

die andere persönlichkeit würde sich entsetzen

sich nur als aufgesetzt betrachten

wenn in der gruppe der einzelne mit sich selbst

diskutiert

 

in der eingefrorenen hölle

befindet sich jeder der sich mit so etwas

 

auseinandersetzen muss


genau dann

 

von inge jung, im august ‘18 

 

 

der schauplatz hat gewechselt

nicht die kämpfe

die ritter der gerechtigkeit

haben ihre rüstung ausgezogen

sind ausgewandert

zurück blieben die letzten

nicht mohikaner

sondern diejenigen für die es keinen platz

und keine zeit gibt

 

die zufriedenen sterben weg

die pessimisten freuen sich

der optimist führt suizidale gedankengänge

über die ausweglosigkeit

und verfällt in schweigen

philosophen bleiben ungehört

unbeachtet

der wahnsinn hat alles in seinen klauen

 

viele haben keine hoffnung

schon gar keine zuversicht

wo soll der sonnenaufgang herkommen

wenn diese sich nicht mehr zeigen mag

wenn die vögel nicht mehr singen

kinder keine freude mehr haben

blumen weder blatt noch blüte ansetzen

unmenschlichkeit sich gegenüber dem menschenbruder zeigt

 

wenn genau dann ein wahrer mensch hervortritt 

glaubt ihm niemand 


dunkle stunden

 

von inge jung, im juli ‘18 

 

 

sehe den mond so klar

inmitten der sterne

die nacht

die sich herabsenkt

dunkel die schatten verschlingt

um selbst ein einziger zu werden

 

alles licht gelöscht ist

kein schatten kein licht

kein tag keine nacht

kein schmerz kein glück

 

die spanne bis zum morgen ist lang

muss überstanden werden

in der hoffnung auf wiederkehr

von dem licht das kommen mag

 

auch wenn die stunden lang sind

 

bis dahin


märchen

 

von inge jung, im juni ‘18

 

 

die schmetterlinge sind entflohen

die fee ausgewandert

die sonne hat sich aufgemacht in andere galaxien

der hutmacher wurde vom kanninchen erschlagen

 

bären gehören in höhlen

katzen freilaufend auf bauernhöfe

der groupie trägt mit über fünfzig stolz sein piercing

der schreiber räumt das papier beiseite

 

all das sind symptome der änderung

der weiteren entwicklung des absturzes

der spirale der todgeweihten

die sich hineinschraubt in das entsetzen

 

all das findet in märchen statt

 

wenn man es lässt


der kuss des mondes

 

von inge jung, im mai ‘18

 

 

wenn der mond die sterne küsst

ist es als ob die ganze welt eins wird

als ob nichts mehr zwischen den gedanken steht

als ob keine argumente mehr schlüssig sind

keine erfahrungen mehr gemacht werden müssen

die ängste ausradiert sind

die weisheit das wort ergreift

in diesen wenigen augenblicken ist die wahrheit wahr

der wortschatz ein schatz

alle märchen realität

 

keiner zweifelt an der existenz der schönheit

niemand setzt sich dagegen zur wehr

alle versprechen sind unumstößlich

die seele überdauert

sie überdauert alles was sonst noch da ist

zeigt sich als raupe als vogel als kind

steckt in greisen

die sich vorbereiten auf ihre eigenen nacht

die kommen wird kommen soll kommen muss

um bei den sternen zu sein

 

geküsst vom mond


die wenigen worte

 

von inge jung, im april ‘18 

 

 

die schwärze der gedanken

kann nicht ausgedrückt werden

in den wenigen worten die wir haben

die auf der zunge stocken

wenn der hals sich verengt

 

die glückseligen ebensowenig

das hinter dem wort ist viel mehr

weit mehr als der geist sich eingesteht

das herz sich entlocken lässt

wie das körperlose sein

das sich nicht zeigt

doch da ist

 

die schwärze der gedanken

trübt sich ein

kann sich verändern und erhellen

wenn die annahme vorweg genommen wird

wenn alle zweifel

sterben 

 

dann kommt freiheit


unsere kindheit

 

von inge jung, im märz ‘18

 

 

uns wurde unsere kindheit genommen

und durch polyester geknister und -farben ersetzt

die blumen lachten uns zu

blütenkelche klatschen den kindern heute immer

noch beifall

 

heute wie damals

gab es die kindheitsvergifter

diejenigen die schon immer alt waren

für die nie ein kelch klatschte

alle blumen schwiegen

 

unter der sonne unserer kindheit

summten die insekten noch lauter

das gras duftete intensiver

der tau war ein lebendiges

liebendes wesen

das sich um unsere füße schmiegte

 

die sonne verbrannte nicht

sie streichelte

 

als wir älter wurden

wirkten die worte unserer kindheitsvergifter

die sie uns über jahre hinweg direkt ins gehirn

geflüstert hatten

sie echoten in uns nach

 

erst ohne von uns bemerkt zu werden

dann hörten wir sie bewusst

auch wenn wir beides hassten

mussten wir uns entscheiden wo es keine

entscheidung gab

 

nach der entscheidung 

träumen wir die träume unserer kindheit


den anderen voraus

 

von inge jung, im februar ‘18 

 

 

bewahre das sein

nicht den schein

das sein das dich ans licht hob

aus der taufe

ver-lerne es nicht

er-lerne es im zweifel neu

zeige deine schöne seele

ohne bemalung der zeit

der anderen

die sie auftrugen

in eigener sache

sich deiner bemächtigten

ohne dein zutun

zeige deine wahren farben

nicht die getünchten

den überlack

lass dich nicht knechten

von dem einen schon gar nicht

sei der bewahrer deiner selbst

freue dich über das sein in dir

in allem

 

die zeit legt ihre eigene patina über alles

hat ihre regeln

die nicht nachvollziehbar sind

lässt sich nicht einsperren

nicht ignorieren

sieh sie als freund

nicht als feind

der dich geleitet

ab dem beginn bis zum ende

kämpfe nicht gegen sie

in aussichtsloser fehde

nimm und gib

werde nicht milde

nur weise

dann bist du vielen

 

um lichtjahre voraus

 


der rest ist das ich 

 

von inge jung, im januar ‘18 

 

 

keine zeit für die unzeit 

für die zeit die es nicht gibt 

nie gab 

der vogel ist längst ausgeflogen 

die quellen versiegt 

die ratten haben das schiff verlassen 

der kapitän wird mit untergehen 

in seiner bestimmung 

 

niemand will dort sein wo das ich ist 

das leben hat uns nur verhöhnt 

niemals verwöhnt 

das sind wir nicht gewohnt 

keine streicheleinheiten für die seele 

nur die rute

die sich anfühlt als müsse es immer so sein 

der grund ist unergründlich 

 

verlasse das quadrat

den kreis der sich nie schloss 

ohne sicherung 

netz und doppelten boden 

das rettungsboot ist längst besetzt 

was bleibt ist der rest 

der rest von allem 

jeder kann ihn sich erdenken

 

was bleibt ist das ich

 


der spieler 

 

von inge jung, im dezember ‘17   

 

 

zu früh ausgestiegen aus dem leeren abteil

keinen zurückgelassen

nur verlassen

verlassen worden von denen die nie bei mir waren

aus den gedächtnissen gelöscht die keine erinnerung haben

meine ist kein schemen keine andeutung

nur zurücksehen zurücksehnen nach vergangenem

nicht alles vergangene schmerzt

manches lacht

oder stimmt wehmütig

 

vielen egoisten den rücken gekehrt

vor dem dolchstoß

der unweigerlich kam

kommen musste

der sich abzeichnete bei der ersten begegnung

die dazu führte die uhr zurückdrehen zu wollen

sich abzuwenden von dem unabwendbaren

in der hoffnung

das alles gut wird

die lichtblicke sind glück

das anfeinden hass in reinform

 

niemand kennt die welt hinter dem spiegel

niemand die gedanken des anderen

verraten tun sich nur die anfänger

denen es in den augen blitzt

der gute spieler geht darüber hinweg

zeigt erstaunen beim offensichtlichen

nicht um zu gefallen sondern um zu verwirren

zeigt interesse an der falschheit

beglückwünscht den betrug

verachtet das gegenüber

und wahrt doch den anstand

die welt im spiegel wäre vielleicht

ehrlicher

 


schweben 

 

von inge jung, im november ‘17 

 

 

bin bei den vergessenen

denen die niemand vermisst

die sich selbst für schatten halten

für schemen in der dunkelheit

ohne inhalt

bedeutungslos

 

beinhalten nur die ansprüche anderer

die sich festsaugten

als es sie noch gab

als die schemen noch materie enthielten

wurden sie angezapft von parasiten

denen die man nicht erkennt

 

gaben noch blut

bis zur blutleere

die sich einstellte als es nie genug wurde

als die entschuldigungen nicht mehr reichten

sie selbst nicht mehr ausreichten

die funktion eingestellt wurde

gab man sie frei

in den äther

 

waren dann keinen satz mehr wert

konnten nur noch

herhalten

bis die ausgelutschte hülle

zu boden glitt

der rest im raum waberte

aber sie hatten ihren zweck erfüllt

wie viele andere

mit denen sie durch

das all schweben

 


über mich 

 

von inge jung, im oktober ‘17

 

 

habe mit mir selbst ein abkommen

traue mir nicht über den weg

will meine unterschrift auf alles

um sie mir selbst vorzuweisen

will mich festnageln auf träume

sehe mich in bildern texten worten

verachte und liebe sie

wie mich selbst

 

teile mich mit in gegensätzlichen aussagen

metaphern

die ich selbst nicht verstehe

denke über mich nach ohne verstand

begreife mich nicht

stoße mir selbst vor den kopf

kenne meine grenzen unzulänglichkeiten

kann mich nicht mit anderen messen

bin zu sehr mit mir beschäftigt

 

kleide mein weinen in lächeln

meine ideen in floskeln

will mich nie mehr verraten

schwöre ich mir mit gekreuzten fingern

zeige in der behauptung des selbst

die unterlegenheit

vor mir

benenne willen und nicht-willen

mit weichen knien

 

finde mich selbst

in der fundkiste des jahres

von allen vergessen und unbeachtet

nehme mich selbst nicht heraus

denke da bin ich richtig

unter all dem trödel

der alt und unbrauchbar schimmelt

freue mich das erkannt zu haben

in untröstlichem schmerz

 

hoffe auf den tag

an dem ich mit mir frieden schließe

an dem ich mich gern zum freund habe

an dem ich vielleicht sogar

lächelnd in den spiegel blicke

 


persönlich 

 

von inge jung, im september ‘17 

 

 

schreibe das letzte gedicht

wenn der tag x da ist

werde dann das land der wörter nicht mehr betreten

nur noch als konsument

 

bis dahin träume ich mich in

gärten himmel seelen bäume

bestaune und beschreibe sie

will alles wissen

aus neugier nicht um zu beurteilen

bin still und höre

eine meiner schlechten eigenschaften

wie man mir sagt

 

will noch vieles festhalten und erzählen

hoffe mir reicht die zeit

sie rinnt unaufhörlich gegen mich

will noch so viele menschen kennenlernen

mit den selben wünschen gedanken

habe schon viele getroffen

sehe in ihre herzen und bin glücklich

 

hoffe das alphabet liegt noch vor mir bis x

könnte es aber nicht ändern wäre es anders

werde demütig den stift verräumen

dankbar sein für jede zeile die kam

für jeden leser

 

bin von vielen verlassen worden deswegen

habe verlassen deswegen

bereue keinen schritt

ein mann muss tun was ein mann tun muss

eine frau auch

 


der feind im spiegel

 

von inge jung, im august ‘17  

 

 

bin weit aus dem kreis hinausgetreten

habe wege gekreuzt die nicht zu durchkreuzen waren

habe flüsse gesehen die sich zu ozeanen aufbäumten

bin auf meiner insel gelandet

die sich als unendliche weite zu erkennen gab

habe Menschen getroffen die sich das nicht nennen dürften

bin weitergewandert

habe keine pause eingelegt

rast ist der tod

ausruhen dient dem verfall

nicht nur im geist

weiß namen die nicht ausgeprochen werden dürfen

 

will keine falschheit um mich haben

keine wut

will keine gelübde mehr hören die nur im augenblick gesprochen werden

nur dort sind sie zu hause

für eine kleine weile

geboren aus wunsch und denken

niemals des eigenen

habe meine seele verkauft

mit blut unterschrieben

weiß was mich erwartet

was richtig ist

habe die zahl vor augen

in visionen so klar

 

loslassen

das selbst befreien

von inneren zwängen

von äußeren gemeinheiten

vom dummgewäsch der anderen

kann mit niemandem mehr konform gehen

ziehe mich zurück

der rückzug wurde nie bemerkt

war zu unspektakulär

zu leise

zu wenig aufhebens vom vergessen

vergesse mich selbst

meinen namen

 

fange junge seelen auf

trotz dem absprechen der besserwisser

die selbst ins leere laufen

uneins sind mit sich selbst

aus wut auf andere und jeden

sich empören

die nicht in den spiegel sehen können

ich könnte es an ihrer stelle nicht

die wahrheit liegt dort

 

wer keinen feind mehr hat

trifft ihn im spiegel

 


die herzkönigin

 

von inge jung, im juli ‘17  

 

 

die herzkönigin ruft

herunter mit ihrem kopf

der kreuzkönig eilt den karten zu hilfe

die soldaten legen die speere an

alice beißt von ihrem pilz

um dem alptraum zu entfliehen

will keinen mehr sehen

hat sich die wunderwelt wahrlich anders vorgestellt

 

die raupe pafft ihren rauch allen entgegen

die grinsekatze verschwindet im blauen dunst

alice ist immer noch da

der pilz zeigt keine wirkung

der letzte biss ist gegessen

das kartenhaus stürzt ein

die herzkönigin ruft

herunter mit ihrem kopf

 

der hutmacher fängt an zu weinen

alice wundert sich

die dicken zwillinge lachen

bis ihnen die bäuche wackeln

der herzog zieht sein schwert

alice denkt an den pilz

bis sie begreift

die herzkönigin ist nur eine karte

in einem scheinbar verlorenen spiel

 

nicht der lauteste hat gewonnen

sondern der der es verstanden hat

 


stigma in den augen anderer 

 

von inge jung, im juni ‘17

 

 

aus der karaffe getrunken

in einem zug

oder nur zum schein so getan

ist oft dasselbe

wenn das ergebnis

gleich ist

wenn die anderen zufrieden sind

mit dem was am ende herauskommt

 

sind wir selbst auch zufrieden

ist keine option-

man kann sich selbst nur auf- um- beschreiben

mit den augen der anderen

den oberflächlichen

die einen sehen wie sie wollen

die sich herausnehmen

jeden zu beurteilen

zu kennen

 

frei sein bedeutet

genau dieses stigma

abzulegen

um dann als stigmatisierter

unterzugehen

 

nur in den augen anderer

 


die einsamsten

 

von inge jung, im mai ‘17

 

 

unter denen die unter sich sind

sind wir die einsamsten

die gemeinsamen

denen abgesprochen wird

außen zu stehen

zu betrachten

sich als teil zu betrachten vom ganzen

die sich erklären müssen

für alles gesagte gedachte

alles nicht-gesagte –gedachte

die fortwährend in der schuld stehen

sich entschuldigen müssen

 

wofür ist nicht wichtig

nur die sache an sich ist genau definiert

abbitte leisten

mit dem ablass zettel in der hand

 dem niedergeschlagenen blick

der den sünder als solchen ausweist

ihn kenntlich macht

kein stern am ärmel könnte besser

stigmatisieren

 

und doch bietet alles raum

für jeden zu sein

jedem seine freiheit

allen ihren freiraum den sie brauchen

so denken viele

könnten in der annahme verweilen

wenn sich viele davon treffen

unter sich sind

sind wir die einsamsten

 


neuland

 

 von inge jung, im april ‘17

 

 

 unter dem strich

genau nach anleitung

wäre es nie geschehen

hätte kein glück einzug gehalten

keine sterne wären am firmament

aufgeleuchtet

kein grüner und roter

-auferstanden von den toten

 

selbst wenn donner und blitz

die schönheit stören

kurz nicht sehen lassen

können sie nicht darüber hinwegtäuschen

was dahinter ist

ewig und unendlich

übergeordnet

 

darüber muss hinweggesehen werden

alles vor dem firmament ist endlich

das getöse und die furcht

gleichermaßen

wie leben und tod

 

das ewige bleibt

keine schwarzen sonntage

können darüber hinwegtäuschen

der seher sieht hindurch

es ist nur temporär

aus jeder eruption folgt

neuland

 


algorithmus der zeit

 

von inge jung, im märz ‘17

 

 den goldenen pfad betreten

zwischen recht und unrecht wandeln

zwischendrin

in auflösung begriffen

links und rechts je einen grat

eine schlucht

zum tode verurteilt

ohnehin

 

reisend in spalten

nicht hier und nicht dort

heimatlos

ruhelos

nie das haupt legen

betten in kissen

weder kissen noch ruhe

 

woher wohin

die wege führen

liegt im dunkel

der seele

des geistes

in keinem buch geschrieben

in keiner lyrik

keinem rat

im zwiespalt mit sich selbst

 

gespalten in mehrere

verschiedene teile

die sich zum ganzen fügen

zum ich

das sich erhaben erheben wird

wenn die zeit gekommen ist


eine frage…

 

von inge jung, im februar ‘17

 

 

wann ist lyrik

lyrik

fragt er

ich denke

nur dann

wenn das innerste nach außen gekehrt wird

unter schmerzen

unter peinlicher berührung des selbst

des anderen

nur wenn der schmerz echt ist

nur wenn das spektrum von

traurigkeit und glück

im einklang steht

sich ausgleicht

keines überwiegt

damit der fluss gegeben ist

der die augen zu seen werden lässt

die spiegeln oder

tiefe und grund

zeigen

nur wenn die worte ausdruck des lebens

sind

prall gefüllt

sodass worte eigentlich

nicht ausreichen

 

so denke ich bei mir

 


im all der aufgehobenheit

 

von inge jung, im januar ‘17

 

 

zwischen den jahren

den zeiten

den zeilen

in zwischenwelten

die sich über alles legen

die nur kurz da sind

nicht greifbar oder sichtbar

sich nicht halten lassen

 

sitzend und abwartend

ohne erwartungshaltung

ohne erwartung

nicht wie jene die etwas erwarten

für sich eine erwartung haben

die etwas für sich gewinnen wollen

die weiter sind

die diese zwischenzeit nicht annehmen

ohne pause sind

 

bin im all der aufgehobenheit

treibe dahin

während sich gedanken klar abgrenzen

von der äußerlichkeit

die um alles ist

die in biederer gestalt alles auffrißt

was sich ihrer dumpfheit widersetzt

sich nichts erklären lässt

 

nicht einmal von den erklärern

die selbst unvollkommen und eckig

andere benannten und katalogisierten

in ihren katalogen und statistiken

die selbst so klein waren

ihnen hätte eine zwischenzeit gut getan

um sich möglicherweise im all der aufgehobenheit

oder der vergessenen

zu finden

 

sich selbst zu begegnen wäre eine option

eine herausforderung

eine weitreichende entscheidung

wenn am ende des treffens

das fazit gezogen werden würde

wäre ich mir nur nie begegnet


die zahl

 

von inge jung, im dezember ‘16

 

 

das licht steht im nadir

nicht im zenit

die spiegel der seele sind die augen

geben den augenblicken raum erinnerung zu werden

teilen sich auf in zwei

um millionenfach geteilt zu werden

unzählige male

die zahl steht

 

die sonne beschreibt sie

in dunklen stunden

in der erinnerung der zukunft

im streifen des vergangenenen wissens

doch wird die zukunft nicht davon beeinflußt

wäre doch verfälscht

nicht ernst genommen

eher ängstlich gemieden

was nicht gemieden werden kann

 

die zahl steht fest

wird vielleicht gnädig revidiert

vergrößert

von der unbegreiflichen liebe

oder laune

trotzdem geht der weg genauso

würde nicht abgeändert werden

durch belegtes wissen

durch dargelegte tatsache

das nicht akzeptieren des weges

ist inakzeptabel

 

angst vor zahlen bestand schon immer

der grund ist nun klar

dem entgegen steht nur das wort

das geschriebene

gesprochene und gegebene

um nach der zahl zu warten

um eine neue zugeteilt

zu bekommen


steine 

von inge jung, im november ‘16

 

 

das leben aufschreiben

final

den schuss geben

der im lauf blieb

wessen leben soll das sein

frage ich mich und versuche

zu sortieren

nehme die einzelnen steinchen

und ordne sie an

verschiebe sie hierhin dorthin

lege unterschiedliche kleine

häufchen davon an

die nichts miteinander zu tun haben

scheint es

 

die bunt vor mir liegen

im chaos

wieviel chaos hält

eine seele aus

oder kann es nicht bemessen

werden

sind manche seelen dünner als

andere

empfindsamer

auserkoren

haben sie verschiedene gaben

oder

alles nur angedichtet

nur anerzogen

in filmen gesehen

in fantasien gestrickt

das frage ich mich

 

sehe verschiedene menschen

sehe sie innen und

außen

sehe ihr innerstes

wenn ich will

meist will ich nicht

will distanz

sehe manchmal

so viel

dass ich es nicht sagen kann

ausdrücken

würde nie ein Wort darüber verlieren

da haut haut berührt

seele seele

 

so liegen die steinchen vor mir

ich sortiere wieder um

denke

diese dort sind für all die zwänge

diese für konventionen

diese für die individualität

kreativität

das träumen

so werden es immer mehr stapel

immer kleinere

die irgendwann

in einzelnen steinen

vor mir liegen

ich überfordert bin

mit der aufgabe

nur denken kann

das ist mein leben

 

sehe den nachbarn

der einen schönen haufen hat

wohlgeordnet

wie aus der kiesgrube

stolz besieht er

den perfekten kegel

aus steinen

hat ein oben und unten

eine spitze und ein breites

fundament

ich habe

eine verstreute

abgehackte

fläche

 

da fällt mir mein lieblingsgedicht ein

dass die Zeit uns nur entfaltet

und ich freue mich

verstreut zu liegen

wenn auch am boden

ein kegel

kann sich schlecht entfalten

denke ich mir

wie floskeln die

in dummheit gesprochen

erträumte bilder zunichtemachen

die nur dazu dienen

das eigene unvermögen

in eine merkwürdige hülle zu packen

die zu nichts gut ist

und das schweigen

vorzuziehen

immer

 

das ich mir abgewöhnen werde

da es schon zu lange ging

manchmal gibt es was zu sagen

außer floskeln

und wenn es nur auf papier ist

um dann weiter

steine zu sortieren

um rechtzeitig fertig zu

werden


ruhe

 

von inge jung, im oktober ‘16

 

 

ruhe herrscht

keine verklärung erkenntnis

tatsächliche neutrale ruhe

die aufzeigt

wunden vermissen vermögen unvermögen

was übrig bleibt

nackt im licht

weder weichzeichner filter

 

annehmen ablehnen

netzbefreit

leben heißt wege gehen

entscheidungen

links rechts

der berater hat sich zurückgezogen

am tag der geburt

uns entlassen in die freiheit

 

rüstzeug mitgegeben

ohne erwartung

in liebe und vertrauen

wir sollen es richtig machen

sorgenbefreit

achtung

er hat uns bewusst

die freiheit gegeben

im wissen der schwere darum


eine lange, wahre geschichte

 

von inge jung, im september ‘16

 

 

wenn bei ratz und rübe die rappelkiste

verkauft wird

das sandmännchen auf den mars fliegt

samson tiffy aus der strasse jagt

scheint alles sinnlos

 

dinge ändern sich

die es nicht dürfen

ihre bestimmung verraten

peterchen bleibt lieber auf der erde

der mond will auswandern

zu fernen milchstrassen

um neue sterne kennenzulernen

 

das ist der lauf der welt

sagen stricklieseln

um erfreut zu seufzen

das leben ist kein ponyhof

sagt sie in der alten küche

die die geräumt wird

für neues leben

 

alles ist im kreislauf bei beenden

der neuanfang ist gemacht

wenn russische vorübergehend bewohner

das himmelbett abschlagen

die bilder von der wand nehmen

um diese den liebenden schreibern

zu überlassen

 

die die villa kunterbunt darauf malen

sich selbst aufschreiben

ihre geschichte

die so unglaublich ist

dass es wie ein überzogener scherz scheint

die ihre sachen nehmen

nur noch fünf

und sich aufmachen

um endlich namen zu tilgen

 


zerbrochenes

 

von Inge Jung, im august ‘16

 

 

alles glas ist zerbrochen

nicht mehr zu reparieren

mit nichts

nicht einmal mit sühne

kein schwur kann das unmögliche

tilgen

weder ein echter

noch ein im schmerz

geleisteter

vermag

die regel zu brechen

die für sich steht

die niemand ersonnen hat

die einfach existiert

wie der mond und die sonne

sterne

sowieso

 

der kehraus fällt aus

scherben bringen kein glück

nur verletzungen

bei nichtbeachten

der sicherheitsregeln

die an der wand

angeschlagen sind

in einem alten kasten

der seit grauer vorzeit

keine beachtung findet

wie so vieles

doch die bloße existenz

beruhigt

wie die des verbandkastens

in den nie jemand hineinsah

 

in dem vielleicht nur

alte bilder liegen

anstatt des verbandmulls

der uns dann sagt

dass bilder wichtiger sind

als das lächerliche

verbinden von wunden

die durch unsere eigene schuld

entstanden sind


anmerkung zum schaffen und darüber reden

 

von inge jung, im juli ‘16

 

 

alles schaffen umsonst

wenn das herz

kalt ist

wenn die seele

erstarrt

die blumenelfen

nicht auf die schmetterlingsbäume fliegen

die bienen die blüten meiden

 

wenn durch analysieren

das wunder zerstört wird

durch zerreden der zauber

vertrieben

nur noch wie eine dunstfahne

entschwebt

wenn das entstehen

erklärt wird

jedes licht entweicht

 

der funke war vorher

danach wäre keiner

mehr möglich

das elend der vielen

die sich darauf einlassen

weniger ist oft mehr

sagt die bauernregel

oft belächelt

 

und hat doch mehr weisheit

als die

die es erklären


süße träume

 

von inge k. jung, im juni ‘16 

 

 

in visionen der nacht

wenn der schwarze mann

erst verschwindet

sobald das bewusstsein

hereinbricht

wenn er vom bett forttritt

bei erwachen

dann bekommt

das wort

aufwachen

eine ganz andere bedeutung

 

ironie herrscht vor

das süße

ist abstoßend

und zeigt den auf

der sofort

da ist

wenn sich die

gelegenheit bietet

wenn nachlässigkeit

herrscht

 

umkehrung

ist grotesk

zieht

stößt

bis wir

entscheiden

was

wir sehen wollen

-

entscheiden müssen wir


Das Heraufziehen der Dunkelheit 

 

von Inge K. Jung, im Mai ‘16    

 

 

Niemand will dabei sein

wenn die Stunde da ist

wenn der Tag vergangen ist und

das Andere

heraufzieht

das keiner benennen mag

das schwarz über allem lastet

dann

gehen sie auseinander wie

Versprengte

können nicht zusehen wie

die Helligkeit verdrängt wird

das Andere

übernimmt

bis nichts mehr zu sehen ist

außer keine Sicht

sie laufen davon

ohne sich umzusehen

ob einer zurückbleibt

 

der der zurückbleibt

ist dazu verdammt

in der Finsternis zu warten

bis sich ein Streifen zeigt

der vielleicht Helligkeit versprechen könnte

nicht muss

wartet

ob es wieder Tag wird

der mit Sehnsucht herbeigefleht wird

und Verzweiflung die

alles lähmt

 

dann sind sie wieder da

als ob nichts gewesen wäre

gesellen sich zueinander

der Zurückgebliebene

ist nicht mehr alleine

bis die Stunde wieder kommt


 

2x4 Meter Kreuz 

 

von Inge K. Jung, im April ‘16  

 

Leer hängt es

für die Nöte anderer

die leer hängen in Lüften

Leben

ohne Nägel angenagelt in Realität

die Leben heißt

vordergründig

ohne Hintergrund

grundlos Sein

alles Sein beschränkt

der eine Mann wird vorangeschickt

degradiert in ein blutiges Büßergewand

mit Dornenkrone

das Kreuz hängt weiter leer

ich frage mich wer so ein Zeichen setzt

als Zeichen für einen der unendlich liebte

der lebte und Abkehr wollte

von denen die sich abgekehrt hatten

wir sitzen und ich starre weiter

bis sie sagt er ist nur vorgegangen

man kann ihn in dieser Welt nicht mehr treffen.

 

Ich denke warum sagt sie das?

Sie muss blind sein.


 

Andere Augen

 

von Inge K. Jung, im März ‘16  

 

 

Unterm schwarzen Himmel mit roten Sternen 

steht der, der nicht weiß wer er ist 

der sich bloßlegt, auftrennt 

an Fäden die grob genäht sind 

durch ständiges nach außen kehren 

der außen und innen gleich erscheint 

nur im Schein 

der sich nicht sieht 

erst durch fremde Augen 

ein Selbst wird 

sich wahrnimmt in geteilte Stücke 

die ohne Zusammenhalt nur wiedergegeben werden können 

durch andere Augen 

die sehen 

die Oberfläche abtasten 

ob diese ist wie die Innenfläche 

die bleich vom Licht erscheint 

und durch zu häufiges öffnen 

die Farbe verloren hat 

oder eben gerade dies 

ihre eigene wunderbare Farbe ist. 

 

Der der sich nicht sieht 

hat viele Farben gehabt 

von schwarz bis dunkel lila 

die nur am Rand erschienen sind 

aufgetragen waren 

nicht echt 

um in der Masse nicht aufzufallen 

die mit denunziantischem Blick 

alles was anders ist aufspürt und 

absondert 

selbst Abgesonderte sondern sich voneinander ab 

anstatt eine Masse zu werden 

so gibt es viele, die nicht wissen 

wer er ist 

nicht wer sie sind 

stehen unter roten Sternen 

und suchen sich durch die Augen 

anderer. 


Vergangener Herbstnachmittag 

 

von Inge K. Jung, im Februar ‘16

 

 

Kein Glück der Welt hilft

gegen Unglück in den Tiefen

kein Licht gegen Dunkelheit

die in jüngster Zeit angelegt wurde

in dunkeln Herbsttagen

die in frühen Winter mündeten

der mit Scheinwerferlicht und alten Jacken

in Erinnerung kommt

mit nackten Ästen und stehendem Gras

mit Betonplatten

Steinen

immer um zwei Uhr nachmittags bis fünf

war manchmal die Welt in Ordnung

in Mohnblumentapeten und Schlüsseln unter Fußmatten

mit dem großen Freund

der mit langem Fell seiner Wege trottete

im einsamen Wald

im Hof

beim anspringenden Ofen

der mit seinem Knacken beruhigte

und eine Konstante bot.


 Abgrenzung 

 

von Inge K. Jung, im Januar ‘16  

 

Gewundene Pfade

fernab aller Vorsicht. 

Weit fort von Tristesse 

hangelt sich 

der Träumer entlang 

auf Schiffen bunter Vorstellung 

überquert er sämtliche Ozeane 

die andere als Flüsse bezeichnen 

überschreitet die Grenze 

die Abgrenzung vom eigenen Ich 

zu dem verschwommenen Rest 

mit dem er eins wird 

in einer Mischung aus bunt und grau 

bleibt auch hier nicht, 

will weiter 

in die Masse hinein 

in der er sich selbst nicht mehr spürt 

um sich dann 

im Schmerz 

herauszuschälen.


 Ideen im Alter 

 

von Inge K. Jung, im Dezember 2015  

 

 

Die Demos haben sich zur Ruhe gelegt

das Alter kriecht in unser Gehirn 

und will uns ruhiger machen, 

die innere Unruhe beenden 

die Ideen in uns brennen lässt.

 

Beenden kann es nur unsere 

zwanghafte Vorstellung 

die Welt zu retten 

während wir schon 

lange überholt sind 

und noch den 

anderen Läufern hinterher 

sehen. 

 

Wenn wir unser Brennen 

und Laufen aufgeben, 

bleibt nur noch das Alter 

und das Gehirn 

das dann unweigerlich 

einschläft. 


 Dämonen 

 

von Inge K. Jung, im November 2015   

 

Die Dämonen lauern. 

Sie müssen nicht rufen, 

wir können nicht entkommen. 

Wenn wir unachtsam werden 

packen sie uns von hinten, 

greifen eiskalt ins Herz hinein 

und zerquetschen es in ihrer 

schwarzen, nicht existierenden 

Hand. 

 

Sie lassen uns nicht los. 

Nur gerade so viel 

um uns nach Luft schnappen zu lassen, 

damit die Qual verlängert werden kann. 

Ein zu frühes Abdrücken des Lebens 

würde die Pein verringern. 

Sie lauern uns auf. 

 

In der Nacht tappen sie daher, 

zermalmen das Hirn 

um jeden Gedanken auszumerzen. 

Am Tag springen sie einen an 

und wirbeln das Innere 

durcheinander. 

Nur Dämonen haben keine 

Dämonen. 


 Krallengestutzt 

 

von Inge K. Jung, im Oktober 2015 

 

 

Der Morgen begrüßt den Tag 

wie jeder Süchtige seine Droge 

keiner kann ohne auskommen, 

der Tag will überstanden sein. 

An friedlichen Tagen 

tragen unsere Füße uns 

über die scharfen Kanten 

der Felsen 

die uns straucheln 

lassen 

und zerreißen wollen. 

 

Kein Schritt kann ohne 

Überlegung getan werden 

niemals einfach nur 

einfach gehen. 

Sind die Tage nicht friedlich 

kann nur jeder 

den Kopf 

einziehen und hoffen, 

dass er nach dem Sturm 

noch an derselben 

Stelle steht. 

 

Mittlerweile sind wir zu alt 

um gegen alles zu kämpfen 

zu jung um zu sagen 

wir wären zu alt 

zu zahm 

zu flügellahm und 

krallengestutzt. 

Wir haben uns eben 

doch die Füße 

aufgerissen. 


 Klarheit 

 

von Inge K. Jung, im September ‘15

 

 

Herausgeschält 

aufgetaucht 

vom Grund des Moores 

dessen Brackwasser 

den Blick trübt, 

keine Orientierung 

- 

um aufzutauchen 

in die Klarheit 

die besinnungslos macht 

und der der Sinn 

fehlt.


 Das Haus der Liebe 

 

von Inge K. Jung, im August ‘15 

 

 

Im Haus der Liebe 

ist niemand zu Hause 

der die Tür öffnen könnte. 

Die Klingel ist abgestellt, 

auch sonst sieht es 

verwahrlost aus. 

Die Fensterläden hängen schief, 

die Dachrinne ist verrostet. 

 

Im Haus der Liebe 

wohnt keiner mehr. 

Der Besitzer ist ausgezogen, 

ohne Nachmeldeadresse zu 

hinterlassen. 

Ein neuer wird nicht eingelassen. 

Neuerdings muss man sich vor 

Mietnomaden schützen, 

vor insolventen Käufern, 

vor Betrügern und Vandalen. 

 

Das Haus der Liebe 

hat viel erlebt, 

aber weit weniger 

als andere Häuser, 

die durchaus noch intakt sind. 

Aber es ist empfindlicher, 

braucht einen anderen Umgang. 

Es ist zufrieden mit dem 

Ungeziefer 

den Erinnerungen 

den Geistern 

die es bewohnen. 

 

Das Haus der Liebe zerfällt.

 


                                  Etwas ganz anderes, ein Nonsens Gedicht für meine Tochter

Was Lustiges, inspiriert von meiner Tochter.

 

Ein Nonsens Gedicht über den Gartenzwerg 

 

Von Inge K. Jung, im Juli 2015

 

 

Der Gartenzwerg der steht am Teich, 

ist nicht arm und ist nicht reich. 

Die Fische unter ihm die schwimmen, 

als ob sie sich wollten für die Fitness trimmen.

 

Der Frosch springt rein in diesen Teich, lacht über den Zwerg, 

der ja nicht reich. 

„Ich bin grün, und Du nur bunt, ich rufe jetzt den großen Hund! 

Der soll Dich nagen und auch beißen, dann weinst Du gleich zum Herzzerreißen.“ 

 

So lacht der Frosch. 

Und Schwupps da kommt er, 

der graue Reiher, Wommy Wonder. 

Der Frosch der schreit, es lacht der Zwerg, 

die Fische verstecken sich im Wasserberg. 

 

Der Reiher schnappt den frechen Frosch, 

dem vergeht seine freche Gosch. 

Er will ihn bringen in seinen Nesterbau. 

Nun weint der Forsch, der gar nicht schlau. 

Der Zwerg steht immer noch daneben, er kann nicht fort, 

tut ja nicht leben. 

 

Die Fische atmen erleichtert auf, da schleicht die Katze aus dem Strauch. 

Sie pirscht sich an, bereit zum Sprung. 

Das sieht der Hund, der ja nicht dumm. 

Mit Bellen und mit Knurren kommt er, 

vertreibt die Katze, und Wommy Wonder. 

 

Nun steht der Gartenzwerg allein wie vorher. 

Es macht ihm nichts, er fühlt sich wohler. 

Alle sind wieder fort,

nur er steht nach wie vor am selben Ort.


 Abtauchen 

 

von Inge K. Jung, im Juli 2015 

 

Abtauchen

Ins Kalt, ins Nichts.

Hinunter, Richtung Grund, nie erreichend.

Abtauchen

In die Stille, Wasser umher, Einsamkeit.

 

Tiefer

Dunkelheit nimmt zu,

Schwärze verschlingt nicht nur den Taucher,

der Beobachter ist dabei

direkt hinter ihm.

 

Weite

Keine Furcht vor der Weite,

Elemente neu entdecken, frei

Augen öffnen, gegen den Zwang,

dann die Freude.

 

Neues

ist um ihn, den Taucher

Augen geöffnet,

Seele lacht, Freude durchströmt.

Annehmen .

 

Loslassen

Schlechte Gewohnheiten, falsches Leben.

Keine Einmischung von außen,

der Taucher taucht tief hinab.

Hört, sieht, riecht nichts, im Einklang.

So kam Leben auf die Erde. 

 

Verstehen

Hat er verstanden, der Taucher?

Kommt er zurück, an die Oberfläche, die er verließ?

Kehrt zurück in alles, was er vergessen wollte?

Trotz des Verstehens?

Oder kehrt er zurück, wie das Leben einst aus dem Wasser?

Der Beobachter schweigt.